07.09.2016

Gastbeitrag: Christina Bolte über ihre Ankunft am Ende der Welt

Hier ein kleiner Gastbeitrag von Christina Bolte, die einen netten Podcast betreibt: Weg zurück ins Leben. Wer mag, findet da auch ein kleines Interview mit mir. Die Episode stammt aus Christinas Pilgerreise, die sie 2007 mit dem Fahrrad absolviert hat.

Christina hat auch zwei Bücher geschrieben: Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben, Books on Demand 2013; ISBN 978-3-0004-4503-3, und: Den Jakobsweg ins Leben nehmen – Das Arbeitsbuch für den Weg zurück ins Leben, Books on Demand 2015; ISBN 978-3-7347-7638-0. Dieses Buch soll die Leser bei der Verarbeitung und Integration seiner eigenen Erlebnisse unterstützen. Passt ja wie die Faust auf’s Auge! 

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Angekommen – und jetzt?

Wie immer nahm ich mein Frühstück (café con leche mit Croissant) unterwegs ein. Am Busbahnhof verabschiedete ich mich von meinem Reisebegleiter Konstantin, der von hier aus in 1 ½ Tagen Busfahrt wieder zurück nach Deutschland fuhr. Obwohl wir in jeder Hinsicht so verschieden waren, waren wir uns über die letzte Woche doch irgendwie ans Herz gewachsen. 

Mein Ursprungsplan war gewesen, aus eigener Kraft und mit dem Fahrrad von Santiago aus bis nach Finisterre ans Ende der Welt, zu fahren. In Anbetracht meines Erkältungszustands, den ich mir in der einen Woche mit dem Gegenwind bei zu sommerlicher Bekleidung eingefangen hatte, verzichtete ich jedoch lieber darauf. Tatsächlich fuhren die Busse sogar mehrmals täglich dorthin…

Mein Bus hatte etwa 15 Minuten Verspätung, aber auf der Fahrt begegnete ich der Marburger Radreisegruppe, die ich am ersten Tag meines Caminos getroffen hatte. Weil wir uns so nett unterhielten, luden sie mich am Ziel in Finisterre spontan auf einen Kuchen und Kaffee ein – gleich gegenüber der Bushaltestelle gab es eine tolle Bar. Beeindruckt hatte mich übrigens dort, dass der Wirt schnell noch in eine benachbarte Bäckerei sprang um noch einen weiteren Kuchen herbei zu zaubern, weil der eine, den er vorrätig hatte, nicht für die ganze Gruppe reichte.

Leider war jedoch schon während der gesamten Hinfahrt die Strecke an der Küste entlang komplett im Nebel versunken und so konnte man auch vom Ort Finisterre selbst nicht viel sehen. Vor Ort deckte ich mich mit Käse, Brot, Serrano-Schinken und Empanada ein und lief los – ich muss ein ziemlich lustiges Bild abgegeben haben, mit meinem Picknick in der Plastiktüte in der Hand und der „Apostelbereifung“ (Badeschlappen) an den Füßen. Am Ortsausgang von Finisterre entdeckte ich (was ich zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gesehen hatte) einen Stein als Pilgerweg-Markierung und Wegweiser: Noch 2,7 Kilometer bis zum Ende der Welt!

Die Strecke war eine einfach zu gehende Asphaltstraße mit nur leichter Steigung (123 Meter über vier Kilometer). Doch auch dort war es immer noch sehr neblig, so dass ich den Weg als recht ereignis- und eindruckslos wahrnahm. Zumindest, wenn man Eindrücke auf das Sichtbare reduziert. Denn im Nachhinein fiel mir ein Phänomen auf, das ich seitdem auch schon zu anderen Gelegenheiten wahrnehmen konnte: Die extreme Ruhe und Stille, die der Nebel bot. So, als ob mich der Nebel in Watte eingepackt hätte!

Abgesehen davon fand ich es interessant, wie anders sich so ein Pilgerweg als Fußgänger anfühlte (wobei ich normalerweise besser geeignetes Schuhwerk angehabt hätte). Von dieser Langsamkeit konnte ich auf jeden Fall noch etwas lernen… 

Da es immer noch sehr neblig war, vermutete ich, dass es nicht mehr weit bis zum Faro (Leuchtturm) war, als einige Zeit später ein kleiner Fußpfad nach rechts in eine steinige Ginster- und Blumenlandschaft führte. Dort setzte ich mich zum Tagebuch schreiben auf einen großen Stein, was etwas länger dauerte, da ich in den letzten Tagen wenig Gelegenheit hatte zum Schreiben. 

Während der ganzen Zeit konnte ich nur das Vogelgezwitscher bzw. Möwengeschrei und das Nebelhorn des Leuchtturms hören und gelegentlich etwas Wellenrauschen. Mir kam in den Kopf, dass ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht hatte, was ein Leuchtturm macht, wenn sein Licht nicht zu sehen ist… Hieß er dann Lärmturm? Oder Hör-Turm? Ich machte ein paar Fotos von mir, der Landschaft und dem Nebel und aß meine Schinken- und Käsebrote. Währenddessen probierte ich mich wieder mit den Bestellungen beim Universum, und bestellte mir Sonnenschein und keinen Nebel mehr, wenn ich vorne an dem Faro ankommen würde.

Immer noch auf meinem Fels sitzend, widmete ich mich einem weiteren Pilger-Ritual: Dem Verbrennen eines Kleidungsstückes, was als Symbol für das „Ablegen des alten Ichs“ gilt. Ich entschied mich für meine Trecking-Hose, die nach etlichen Rucksack-Urlauben mittlerweile nicht nur ziemlich fadenscheinig geworden war, sondern hier auf dem Camino auch noch unerträglich dreckig. Dazu war der große Fels, perfekt geeignet. 

Allerdings war – was ich nicht bedacht hatte – der Kunstfaser-Anteil in der Hose so hoch, dass ich zunächst ziemliche Schwierigkeiten hatte, die Hose überhaupt zu entzünden. Als es mir endlich gelang, blieb anstatt Asche regelrecht ein Häufchen geschmol­zenes Plastik zurück. Das hatte schon etwas Absurdes!

Auf dem Weg zurück zur Autostraße entsorgte ich den Plastikhaufen ordnungsgemäß in einem Mülleimer und dachte mir, wenn ich schon niemanden hätte, der mit mir bis ans (sprich-)wörtliche Ende der Welt ging, ich zumindest beim nächsten Mal, wenn ich den Jakobsweg ginge, mit jemandem zusammen bis zum Ende der Welt gehen wollte. Dann wollte ich dort auch Tauchen. Denn dass ich wiederkommen würde, hatte ich unterwegs schon längst beschlossen… 
Alternativ wollte ich jemanden am Ende der Welt kennenlernen…

Immer noch im Nebel ging ich hinüber zum Faro, allerdings schien sich langsam aber sicher die Sonne durchzukämpfen. Als ich in der Nähe des Leuchtturmes ein Foto von der Statue eines Bronze-Schuhs (die ich schon aus meinem Reiseführer kannte) machen wollte, musste ich mir die Ohren zuhalten, denn die Statue stand direkt neben dem Ausgang vom Nebelhorn, das immer noch fröhlich tönte. 

Ich wanderte ein wenig rund um den Leuchtturm bzw. kletterte dort ein wenig über die Felsen, als mich wieder mal die Wehmut überkam – alle anderen schienen zu zweit hierhergekommen zu sein… Dennoch musste ich plötzlich laut loslachen, als ich mich umdrehte und auf der anderen Seite der Meeresbucht durch den Nebel ein Stück Ufer blitzen sah: Erstens weil ich begeistert war zu sehen, wie schnell (nämlich in immerhin nur etwa zwei Stunden) die Wünsche an das Universum in Erfüllung gehen. Und zweitens hatte ich nun – nachdem sich der Nebel lichtete – doch noch neue Perspektiven und Horizonte, die sich mir eröffneten. Insgeheim dachte ich jedoch noch, dass es vielleicht mit Teil zwei meines Wunsches auch klappen würde, wenn ich nur lange genug Zeit hier verbrächte.…

Tja, wie es weiterging mit den Wünschen an das Universum und in Christinas Leben, erfahrt Ihr in ihrem ersten Buch.

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